Aus der Praxis

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Autismus und Arbeit


Aus Sicht eines Betroffenen • Stephan Weber • Diplom Physik Ingenieur
  • >>Die (Menschen mit Behinderung) sind doch eh ständig krank<<
  • >>Sie kosten mich mehr als dass sie mir was bringen<<
  • >>Ich kann diese dann nicht entlassen<<
  • >>Die verstehen einen nie richtig<<

Das sind einige der Vorbehalte und Ängste, die potenzielle Arbeitgeber, aber auch Kolleginnen und Kollegen oftmals haben.

Was ist nun daran wahr? Im Grunde genommen – nichts.

Zumindest nichts was für andere Arbeitnehmer nicht auch gälte. Statistisch gesehen melden sich Menschen mit Behinderung zum Beispiel nicht häufiger krank als andere.

Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen sprechen, die ich nach meiner Diagnose 2012 gemacht habe. Und das ist auch der Grund, warum ich in dem Bereich aufklären möchte.

Die Vorurteile entspringen meist bekannten Filmen wie „Rain Man“ oder „Ella Schön“, oder Romanfiguren wie Sherlock Holmes oder berühmten Persönlichkeiten wie Albert Einstein, denen autistische Eigenschaften zugeschrieben werden. Größtenteils sind sie begabt im Spektrum des MINT-Bereiches.

Dem entgegen sind die Interessen und Eigenschaften von autistischen Menschen genau so breit gefächert wie bei jedem anderen Menschen.

Allerdings gibt es einige Eigenschaften, die viele von uns teilen:

  • (a) Gesichtsblindheit
    Die Unfähigkeit, Mimiken, aber auch Sprache und Gesten automatisch zu interpretieren, ist für viele Autisten ein großes Problem. Sofern er die jeweilige Anforderung nicht gelernt hat, wird die Aussage für bare Münze genommen. Manche können ihnen bereits bekannte Personen nicht wiedererkennen, was zu sozialen Irritationen und Missverständnissen führt.

  • (b) Unfähigkeit, sensorische Eindrücke und Informationen zu filtern
    Während ein „normaler“ Mensch (was ist normal?) alle für ihn unnötigen Informationen herausfiltert, hat für einen Autisten jede Information den gleichen Wert.
    Besonders in reizüberflutenden Situationen (Klassenzimmer, Großraumbüro, Messehalle…) sind wir nicht in der Lage, unser Gegenüber eindeutig zu verstehen.
    Ein weiteres Problem ist der so genannte Overload. Nehmen die Eindrücke überhand, dann wehrt sich der Körper. Dies kann von absolutem Abschalten, psychosomatischen Krankheiten bis hin zu verbaler und körperlicher Aggressivität führen.

  • (c) Akribie
    Auch wenn die meisten Asperger den Begriff „Pareto“ (80% schafft man in 20% der Zeit, dann aber nicht mehr die 20% in den 80% der Zeit) kennen, so neigen sie dennoch dazu, eine Aufgabe bis ins kleinste Detail zu bearbeiten. Hierbei besteht die Gefahr, sich in der Aufgabe zu verlieren.

  • (d) Inselbegabung
    Viele Autisten sind in einem Gebiet sehr gut bewandert. Das heißt aber nicht, dass sie in den anderen Gebieten unbegabt sind. Auch muss diese Begabung nicht unbedingt im MINT-Bereich liegen. Beispiele dafür sind die Ärztin Christine Preismann oder die Grafikerin Daniela Schreiter (Autorin von „Fuchskind“).

Nun, ist ein Mensch mit ASS aufgrund dessen für ein Unternehmen unbrauchbar?

Nein, denn viele Arbeitgeber, aber auch Kolleginnen und Kollegen haben unsere Eigenschaften zu schätzen gelernt.

Richtig eingesetzt, kann jeder Mensch, auch aus dem autistischen Spektrum, ein wertvoller Mitarbeiter sein.

  • – Gesichtsblindheit bedeutet auch, die Fakten einer Aussage zu erkennen, ohne von der Person und deren Mimik beeinflusst zu werden.
  • – Besonders, wenn man ablenkende Reize in der Umgebung reduziert, erkennen viele Autisten Aspekte, die von anderen einfach weggeblendet werden. Gerade bei der Fehlersuche und Qualitätssicherung ist dies ein wichtiges Kriterium.
  • – Viele Erkenntnisse, die wir heute haben, hätten sich ohne akribisches Arbeiten nie entwickelt. Hätten Gauß (komplexe Zahlen) oder Röntgen (Strahlen) nicht beharrlich an ihren Objekten weiter geforscht, sähe die Welt heute wohl anders aus.¹

Es gilt, Ängste und Vorbehalte abzubauen. Jede Eigenschaft ist wichtig, es kommt nur darauf an, diese Potentiale gezielt einzusetzen.

Ob das Höher – Weiter – Schneller und das Hervorheben einiger weniger Berufe uns weiterbringt, wird sich zeigen. Jeder Mensch kann seinen Beitrag leiten, die Zukunft zu gestalten. Er braucht nur die passende Umgebung, um sich zu entfalten.
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¹ Wobei unklar ist, ob Gauß oder Röntgen tatsächlich Autisten waren.

➥ Der Text als PDF zum Download
Mit freundlicher Genehmigung von Diplom Physik Ingenieur Stephan Weber

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Regionalverband autismus Rhein-Wupper e.V.